Hirtenbrief zum Beginn der Österlichen Bußzeit 2021 von Erzbischof Reinhard Kardinal Marx

Hirtenbrief zum Beginn der Österlichen Bußzeit 2021 „Drei Anregungen für die Zeit nach Corona“

Liebe Schwestern und Brüder,
Corona und kein Ende…! Wann werden wir uns wieder begegnen und miteinander unterwegs sein
können? Wann werden wir wieder Gottesdienst feiern, wie wir es gewohnt waren? Auf diese Fragen gibt
es noch keine endgültige Antwort. Aber eine Frage sollte uns schon jetzt, noch vor Ende der „Corona-Zeit“ bewegen: Was haben wir gelernt? Was hat sich verändert? Was dürfen wir nicht vergessen?
Welchen Auftrag nehmen wir mit?

Es wäre gut, auch in der Pfarrei darüber nachzudenken. Denn ich glaube, es wäre nicht angemessen, einfach dort weitermachen zu wollen, wo wir zu Beginn der „Corona-Zeit“ aufgehört haben. Bei allem Stress, aller Belastung, aller Angst und allem Leiden, die diese Pandemie für viele bedeutet, gibt es auch Lerneffekte, Einsichten und Impulse für die Zukunft. Ich möchte zu Beginn der Fastenzeit nur drei Punkte nennen, die mich besonders bewegen:

1. Die Toten nicht vergessen
Eine besonders schmerzliche Erfahrung in dieser Zeit ist für viele das einsame Sterben von Angehörigen und das Sterben in Alten- und Pflegeheimen und in Krankenhäusern. Dazu kommt, dass auch die Begräbnisse nur in einem sehr kleinen Rahmen stattfinden konnten mit ganz wenigen Trauernden. Ich möchte Sie ermutigen, sich darüber Gedanken zu machen, wie wir der Verstorbenen - sowohl der an Corona verstorbenen wie aller Verstorbenen des letzten und diesen Jahres - noch einmal gedenken können in der Gemeinschaft der Pfarrei oder des Dorfes oder der Stadt. Erinnern wir noch einmal an ihre Namen! Beten wir noch einmal gemeinsam für sie im Rahmen eines Gottesdienstes. Die Erinnerung an die Toten des Jahres 2020/2021 empfinde ich als einen wichtigen Auftrag an uns als Kirche und für die ganze Gesellschaft.

2. Die Familien stützen
In der „Corona-Zeit“ merken viele, wie wichtig die Familie ist. Sie ist ein starkes Netzwerk, wenn unser Leben herausgefordert ist durch Krankheit, Not, Arbeitslosigkeit und Einsamkeit. Besonders spürbar wird das, wenn Familie nicht oder nicht mehr so da ist, wie wir es uns wünschen. Gerade viele alte Menschen sind einsam. Manche Familien sind nicht mehr zusammen. Die Pandemie-Belastungen für die Familien durch Schule und Arbeit und durch die fehlende Möglichkeit zur Begegnung mit anderen, haben manche an die Grenze der Belastung geführt. Ich denke, dass wir in unseren Pfarreien noch aufmerksamer sein müssen für das Leben der Familien, für die Alleinlebenden, für die Beziehung der Generationen untereinander. Zur Familie gehören auch die Großeltern, Tanten und Onkel - es ist ein großes Netzwerk, das uns verbindet. Das haben viele wieder gespürt, und auch die Kraft, die es geben kann, einander nahe zu sein. Vielleicht lernen wir auch neu, was es heißt, dass die Kirche von Anfang an den Titel trägt „Familie Gottes“. Das will auch sagen, dass wir als Pfarrei, als Gemeinschaft, als Christinnen und Christen, auch über die engere Verwandtschaft hinaus, ähnlich wie eine Familie füreinander da sein sollen, auch in den Herausforderungen des Lebens. Ich wünsche mir, dass wir neu aufmerksam werden, wie wir als Gemeinschaft des Glaubens, als Pfarrei das Leben der Familien in allen Generationen stützen können, und selbst noch mehr „Familie Gottes“ werden können, die aufeinander achtet.

3. Die Feier des Sonntagsgottesdienstes (wieder) entdecken
Auch das ist eine Aufgabe, der wir uns jetzt stellen müssen. Der Gottesdienstbesuch ist durch die Beschränkungen mühsam geworden, und für viele ist es in der Pandemie auch zu riskant. Wir erleben, dass manche den Gottesdienst am Sonntag gar nicht vermissen. Manche werden – so vermuten einige - eher nicht regelmäßig wiederkommen. Vermutlich wird das noch einmal ein Absinken in den Zahlen der Gottesdienstbesuche bedeuten. Es geht nicht um die Zahlen, aber darum, ob die gemeinsame Feier des Gottesdienstes als Mitte unseres Glaubens verloren geht. Ist das unabänderlich? Kann es nicht auch sein, dass manche neu entdecken, dass es ein großes Geschenk ist, am Sonntag zusammen zu kommen, um den Tod und die Auferstehung Jesu Christi und das Fest der Hoffnung und des neuen, unzerstörbaren Lebens miteinander zu feiern? Vielleicht müssen wir uns alle miteinander neu auf den Weg machen, damit das wieder stärker erfahrbar wird. Besonders diejenigen, die Verantwortung tragen für die Gestaltung und die Feier der Eucharistiefeier am Sonntag, der Sakramente, des gemeinsamen Stundengebetes und der Wort-Gottes-Feiern.
Mir persönlich geht es so, dass ich in dieser Zeit die Gottesdienste sogar intensiver erlebt habe: Ich höre genauer auf die Worte der Lesungen, wenn sie gut vorgetragen werden; auf die Musik, auch wenn ich selber nicht mitsingen kann; auf die Vereinfachung des Ritus, wenn wir etwa im Dom das Vater Unser sprechen und die Hände ausbreiten. Ich will daraus keine Vorschriften im Einzelnen machen, aber es wäre wichtig, sich zu überlegen: Wie können wir den Gottesdienst, besonders die Eucharistiefeier am Sonntag, noch besser, geistlicher, ausstrahlender, miteinander feiern? Das betrifft alles: den Blumenschmuck in der Kirche, die Begeisterung der Ministrantinnen und Ministranten, die Kirchenmusik, die Lektorinnen und Lektoren und besonders den Priester, der der Feier vorsteht und das Wort Gottes verkündet. Dazu gehört auch, dass es nach dem Gottesdienst - wenn das wieder möglich ist -, Gelegenheit gibt zur Begegnung: Denn der Gottesdienst soll ja weitergehen im Leben! Die Eucharistiefeier am Sonntag soll auch in Zukunft der Sammelpunkt und das Herzstück des Lebens einer Pfarrei oder einer Ordensgemeinschaft sein. Können wir noch mehr tun, um - weltlich gesprochen -, die „Qualität“ unserer Gottesdienste zu erhöhen? Darüber kann man vor Ort und sollte man vor Ort ins Gespräch kommen. Denn es darf uns nicht genügen, wenn die Frohe Botschaft und das Fest unseres Glaubens immer weniger Menschen erreichen.

Liebe Schwestern und Brüder! Das Gedenken an die Toten, die Aufmerksamkeit für die Familien und die Feier des Gottesdienstes - das sind drei Impulse, die ich zu Beginn der Fastenzeit an Sie alle weitergeben will. Sicher gibt es noch andere Gesichtspunkte und Überlegungen. Ich möchte Sie einladen, darüber in den Pfarreien nachzudenken und sich jetzt auf den Weg zu machen, die „Nach-Corona-Zeit“ gut zu gestalten.

Von Herzen wünsche ich Ihnen eine gute Zeit bis zum Osterfest und Gottes Segen Ihnen, Ihren Familien und allen an Ihrer Seite.

Ihr

Reinhard Kardinal Marx
Erzbischof von München und Freising

München, am Fest der Darstellung des Herrn 2021

Videobotschaft zur Fastenzeit von Erzbischof Reinhard Kardinal Marx